Lokalhistorischer Spaziergang auf den Spuren der Zwangsarbeiter in der NS-Zeit
Offenbach Post vom 3. Februar 2026 – von Holger Hackendahl
Rund 40 an Heimatgeschichte interessierte Bürgerinnen und Bürger kamen zu einem Rundgang, bei dem an die Geschichte der Zwangsarbeiter in Hausen erinnert wurde. Zu dem lokalhistorischen Spaziergang, der am bislang namenlosen Platz zwischen dem Kapellenhof und der Gaststätte „La Corona“ startete, hatten die Obertshausener Grünen eingeladen. Denn genau dort und in der näheren Umgebung befanden sich während der Zeit des Nationalsozialismus mehrere Lager für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, woran auch eine Infotafel als Teil des Obertshäuser Geschichtspfads erinnert. Die Führung übernahm Armin Paul, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins (HGV) der Stadt.
„Die Grünen setzen sich seit geraumer Zeit dafür ein, dass dieser Platz offiziell benannt und dauerhaft als Erinnerungsort im Ortsbild verankert wird“, sagt Oliver Bode von der Grünen-Fraktion im Obertshäuser Stadtparlament. Erfreut nahmen er und die Fraktionsvorsitzende Corina Retzbach zur Kenntnis, dass der Spaziergang, der auch zur frühere Firma Wolf & Becker (später Ymos) führte, auf derart großes Interesse stieß.
„Erstmals wurde die Zwangsarbeit in Hausen in dem 1969 veröffentlichten Büchlein ‚Unser Hausen‘ thematisiert“, berichtete Paul. Ende der 1930er Jahre wurde mit Hilfe von Strafgefangenen im Dorf der Kanal gelegt und die Rodau begradigt, untergebracht waren die Zwangsarbeiter im Lager Rollwald. 1939 wurden zudem Menschen aus Polen und Belgien eingesetzt, um personelle Lücken, die durch Einberufung Einheimischer zur Armee entstanden, zu füllen. Später wurden Zwangsarbeiter aus ganz Osteuropa deportiert. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs gab es in Deutschland rund 13,4 Millionen Zwangsarbeiter.
„Im Dörfchen Hausen mit seinen damals 1700 Einwohnern lebten in der Spitze an die 500 Zwangsarbeiter“, offenbarte Paul eine überraschend hohe Zahl im Verhältnis zu den Einwohnern. Die Menschen wurden sowohl in der Landwirtschaft als auch in heimischen Bertrieben eingesetzt. So mussten etwa bei der Baufirma Adam Vetter sieben mit dem Zeichen „O“ an der Kleidung er kenntliche Ostarbeiter sowie zehn französische Kriegsgefangene schuften“, hat Paul recherchiert.
„Und im ehemaligen Dampfsägewerk Hugo Vetter in der Bernhardstraße arbeiteten einst neun französische Kriegsgefangene“, erläuterte er vor Ort. Zudem befand sich auf dem Gelände, das mittlerweile für Wohnbebauung genutzt ist, ein Lager mit „Ostarbeitern“, die aus Polen, Ukraine und Weißrussland stammten. Im einstigen Wirtshaus „Zur Sonne“ (Kapellenstraße), wo später die Bäckereien Malsy und Dey zuhause waren, lebten im Obergeschoss an die 20 französische Zwangsarbeiter.
Die 1929 gegründete Firma Jakob Wolf & Co, die spätere Ymos, wuchs in den 1930er Jahren relativ schnell. Von der Fertigung von Metallbügeln für Handtaschen stellte man in Kriegszeiten auf Rüstungsgüter um, in der Folge wurden dort ab 1943 eine hohe Zahl an Zwangsarbeitern eingesetzt: 173 männliche und 105 weibliche Kriegsgefangene zählte man in einer Erhebung im April 1943, viele davon waren sogenannte „Ostarbeiter“, aber auch 32 Franzosen mussten dort Zwangsarbeit verrichten“, erläuterte Armin Paul. „Am Tag der Befreiung durch US-amerikanische Truppen im Frühjahr 1945 ist sogar von rund 500 Zwangsarbeitern auf dem Firmengelände die Rede.“
