COMTESSE Ausstellung im Karl-Meyer-Haus zeigt Aufstieg und Fall des Lederwaren-Unternehmens
Offenbach Post vom 13. April 2025 – von Michael Prochnow
Seine Spezialität waren Taschen aus Rosshaargewebe, die hochwertigen Waren des Obertshausener Lederwarenunternehmens Comtesse waren weltweit begehrt. Doch der Glanz von früher verblasste, 2020 folgte ein Insolvenzantrag. Der Heimat- und Geschichtsver- ein (HGV) eröffnete am Freitag eine Ausstellung im Karl-Meyer-Haus, die mit zahlreichen hochwertigen Handtaschen den rasanten Aufschwung und den Niedergang des Unternehmens dokumentiert.
70 Prozent der Ware ins Ausland verkauft
Mit Lothar Wolf, dem ehemaligen Geschäftsführer der Cometesse, skizzierte Paul die Historie des Betriebs, der hochwertige Produkte vor allem nach Asien exportierte. Bürgermeister Manuel Friedrich (unabhängig) zeigte sich dankbar gegenüber dem Lederhandwerk, das wirtschaftlichen Erfolg brachte und für die gute Infrastruktur sorgte. Mehr als 90 Jahre standen die Produkte der Comtesse für Qualität und Handwerkskunst. 1958 holte das Hausener „Aushängeschild“ bei der Weltausstellung in Brüssel die Goldmedaille.
Geschäftsführer Wolf, Jahrgang 1938, ist in Hausen geboren und verbrachte sein gesamtes Berufsleben bei Adolf Kopp. Der Gründer wurde 1908 als erster von zwei Söhnen geboren, der Vater fiel im Ersten Weltkrieg. Nach einer Portefeuiller-Lehre fertigte der Sohn hochwertige Handtaschen in Offenbach. Mit 21 Jahren gründete er am 14. September 1929 den eigenen Betrieb. Im Wohnhaus an der Kaiserstraße, der heutigen Friedrich-Ebert-Straße, waren Mutter Emma und Bruder Hans seine ersten Mitarbeiter. Bald waren es mehr als zehn Personen, berichtete Wolf. Der Chef habe früh auf Export gebaut, belieferte vor allem England und die skandinavischen Länder.
Die Nazis verboten alle Exporte, also wurden nur noch Tornister und Helmgürtel für die Wehrmacht gefertigt. Der Firmengründer war nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft mit Taschen der Marke Adeka in der ganzen Bundesrepublik unterwegs, Ehefrau Gertrud leitete die Verwaltung.
1949 wurde die Produktionsstätte erweitert, 1957 waren dort 200 Mitarbeitende tätig. A. D Kopp verarbeitete damals Kalbsleder, Eidechse, Strauß und Krokodil, 70 Prozent gingen ins Ausland. 1963 präsentierte er mit seiner Tochter Ingeborg die Kollektion im Vorderen Orient, in Singapur und Japan. Mitte der 60er Jahre war Rosshaar der „letzte Schrei“ für Handtaschen und besonders in Japan beliebt.
Das Haar stammte von den Schweifen von Rassepferden aus Argentinien, China und der Mongolei und wurde auf alten Webstühlen in England verarbeitet. Ende 1982 übernahm Ingeborg die Firma, Kopp starb zwei Jahre später. Ehefrau Gertrud blieb in der Verwaltung beschäftigt. Sie starb 1994. Längst liefen edle Shops in Bangkok, Hongkong, Japan und auf Hawaii.
Ingeborg Kopp heiratete mit 48 Jahren den Rechtsanwalt und Notar Hilmar Noack. 2003 übernahm Stieftochter Julia Fehring das Unternehmen, Andreas Mann wurde Nachfolger von Lothar Wolf. Mit dem Verkauf an Goldpfeil wurde die Herstellung nach Dietzenbach verlegt.
Insolvenz folgt 2020
In der Finanzkrise 2008 übernahm die Schweizer Textilfirma Akris die Comtesse aus der Konkursmasse. Verwaltung und Produktion kehrten zurück nach Obertshausen, in die ehemaligen Räume von Papico in der Grenzstraße. 2019 wurde die Marke an einen Investor verkauft, die Werkstatt zog in die Brühlstraße, wo sie 2020 Insolvenz anmeldete.
Das Firmengebäude in Hausen wurde zum Ingeborg-Kopp-Haus für Senioren umgebaut, das gesamte Taschenarchiv ans Ledermuseum verschenkt, das nun Exponate auslieh.

